Der Arbeitstag von Thomas Wechselberger startet meist mit der Fahrt der Ahornbahn von Mayrhofen zur Adlerbühne Ahorn, wo seine Greifvögel warten. Diese werden von ihm begrüßt – jeder auf eine andere Art und Weise – und kommen dann ins Freie. Wie aber kommt man zu diesem außergewöhnlichen Beruf des Falkners? Wir haben mit Thomas darüber gesprochen.
Didi und Waltraud Wechselberger, Thomas‘ Eltern, haben im Jahr 2003 einen Alpengasthof im Stilluptal gepachtet. „Das war eine tolle Anlage mit großem Fischteich und allen möglichen anderen Tieren. Man könnte sagen, das war wie ein Raritätenzoo“, erinnert sich Thomas. Didi war außerdem schon immer begeistert von Greifvögeln und hat dazumal bereits mit der Falknerei begonnen. Mit den beiden Vögeln machte Didi gemeinsam mit Tom dreimal pro Woche gratis eine Vorführung für jene Gäste, die gerade anwesend waren. Das war der eigentliche Startschuss für den Weg zur Adlerbühne. „Angefangen haben wir mit Lenni, so hieß unser südamerikanischer Wüstenbussard, der heuer leider mit 21 Jahren an Krebs starb“, erzählt Thomas.
Als Thomas 13 Jahre alt war, beschloss sein Papa, einen Steppenadler aus einer Zuchtstation zu erwerben. „Mit diesem Adler hat mich mein Papa – natürlich unter seiner Aufsicht – einfach arbeiten lassen. Das war das erste Tier, mit dem ich trainiert habe und es ist heute noch immer dabei“, erzählt der junge Falkner, der mittlerweile gemeinsam mit seinen Eltern elf Vögel betreut.
Thomas wollte beruflich ursprünglich einen anderen Weg einschlagen. Er absolvierte die Lehre zum Elektrotechniker und war während seiner Ausbildung nur noch selten in der Station. Er wusste, die Falknerei ist zwar ein wunderschöner Beruf, aber auch, dass man an sieben Tagen die Woche und zwölf Monate im Jahr gebunden ist. „Ich habe mir das damals sehr gut überlegt, mich im Endeffekt aber trotzdem für die Arbeit als Falkner entschieden. Es ist einfach meine Passion – anders könnte man diesen Beruf ohnehin nicht ausüben“, erklärt Thomas, der die Adlerbühne mittlerweile leitet und dessen Eltern bei ihm angestellt sind.
Aufgebaut ist die Show wie ein Theaterstück. Im Sinne des Lehrauftrages wird dabei aber nicht aus den Augen verloren, den Zusehenden beizubringen, wie wichtig Greifvögel für die Natur sind. Eine wichtige Message, denn diese Tiere wurden lange Zeit für Kopfgeld gejagt und verfolgt. Bei der Show, die ca. 70 min dauert, kommen Vögel und Eulen einzeln auf die Bühne und über das jeweilige Tier wird berichtet. Jeder Vogel fliegt zwischen sieben und zehn Minuten, was vor allem in den heißen Sommermonaten richtig anstrengend ist. Ein ausgiebiges Training gibt es darum erst in den kälteren Monaten wieder – dieses dauert dann rund ein bis zwei Stunden. „Nicht all unsere Vögel sind jeden Tag bei der Show dabei. Manche haben einen schlechten Tag oder es passt gerade nicht, dann fliegen sie am Vormittag eine Runde und haben nachmittags ihre Ruhe“, erklärt Thomas, der weiß, dass auch Tiere nicht immer gleich gut drauf sind.
Die Adlerbühne Ahorn ist Europas höchste Greifvogelstation. Didi Wechselberger wollte immer schon etwas Einzigartiges machen und hat sich damit im Jahr 2009 einen Traum erfüllt. Der Vorteil dieser Höhenlage ist jedenfalls das Klima. Auch wenn es im Sommer ebenfalls heiß ist, so ist es dennoch kühler als im Tal. Das Panorama und die Gegend sind außerdem prädestiniert für die Tiere. Diese gehören genau hier hin. Ein Nachteil ist, dass am Berg vier Monate Sommer und acht Monate Winter ist und nicht umgekehrt wie im Tal. Auch die Fallwinde sind ein Nachteil. Mit diesen „säuft ein Vogel leichter ab“, wie es im Fachjargon heißt, und kommt dann nicht mehr in die Höhe. Wenn das passiert, muss Thomas ihn holen. „Bei älteren Tieren besteht die Gefahr nicht, die kennen sich aus. Aber junge Vögel wissen das nicht und da geschieht es immer wieder, dass sie mit einem Fallwind absinken. Mir bleibt dann die Wahl, auf einen Aufwind zu warten, damit der Vogel wieder heraufkommt oder aber ins Tal zu fahren und dem Tier dort unten zu schreien, sodass es hinunterfliegt“, so der Falkner. Dank eines GPS-Trackers weiß Thomas, wo seine Tiere umgehen. Solche Rettungsaktionen dauern mitunter einen halben Tag und das auch bei schlechtem Wetter. Im Tal könnte dies freilich nicht passieren.
Eine Falknerei basiert auf zwei Dingen: Vertrauen und Beziehung. „Man kann es sich so vorstellen, als hätten die Vögel eine Einehe mit dem Menschen, der sie betreut“, erläutert Thomas. In der freien Natur haben sie diese monogame Beziehung zu anderen Tieren, in der Falknerei zu den Menschen, die sie aufziehen, umsorgen und die schließlich von den Tieren auserwählt werden. Nicht zwingend muss es die Person sein, die das Tier aufzieht, meistens ist es aber so. Es besteht ein 100%iges Vertrauen von den Vögeln zu den Menschen und das ist der Grund, warum die Greifvögel nach ihrem Flug wiederkommen. Es hat nichts mit der Fütterung oder anderen Dingen zu tun, wenngleich das Füttern ein kleiner Teil der Beziehung ist. Ein Greifvogel würde allerdings eher verhungern, als von einem Menschen etwas anzunehmen, wenn es ihm nicht gut geht. Diese Tatsache macht es übrigens unglaublich schwer, einem verletzten Greifvogel zu helfen, denn ohne Vertrauen nimmt er keine Hilfe an.
„Im Umkehrschluss bedeutet das: Eine Falknerei würde niemals funktionieren, wenn es den Tieren nicht gut gehen würde. Die Vögel würden einfach wegfliegen“, weiß Thomas. Eine Greifvogel-Dressur gibt es nicht. Sobald das Tier irgendeine Form der Bestrafung erfahren würde, was bei einer Dressur ja passiert, wäre es weg. Der Falkner muss sich bei einer Show also stets darauf einstellen, was der Vogel macht, er kann ihm nichts befehlen. Mag ein Vogel keine Vorführungen, kommt er zu einer privaten Falknerei, wo er nicht vor Publikum fliegen muss.
Ist ein Vogel bei einem Flug in der Luft und der Falkner sieht, wie gut es ihm geht, weiß aber auch, dass das Tier nur darauf wartet, ein Zeichen von ihm zu bekommen, um sofort wieder zurückzukehren, dann ist dies der hundertprozentige Vertrauensbeweis des Tieres. Für einen Falkner ist das unglaublich schön.
Einmalig sind für Thomas aber auch diese Momente der Stille, wenn er im Sommer gemeinsam mit seiner Frau am Berg bleibt, den traumhaften Sonnenuntergang genießt und manche der Vögel mit den Talwinden – das sind immer Aufwinde – fliegen lässt. „Diese Abende genieße ich ganz besonders. Das Einzige, was man dabei hört, ist die Natur und das sind wahrhaft schöne Augenblicke“, schwärmt er.
#peopleandpaszion
Fotos: Sabine Knapp, H-Mairhofer PHOTO
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